Nemanaund...?
 
Einleitende Gedanken zu den Theatergesprächen in der Stifter-Villa in Kirchschlag anlässlich des Österreichischen Theaterfestivals schauplatz.theater 09:
 
Wenn ich am Sonntag, nach Beendigung des Theaterfestivals, von Kirchschlag zurück nach Deutschland gefahren bin, werde ich sicher auch gefragt: Jochen, wie war’s denn auf dem Theaterfestival, wie waren die Aufführungen, wie sind die Auswertungsgespräche und Feedback Runden, die du moderiert hast, denn gelaufen?
Dann würde ich gerne antworten: Toll, ich bin herzlich in Kirchschlag empfangen worden, habe spannendes Theater gesehen und die anschließenden Gespräche, die Diskussionen und der Austausch mit den Künstlerinnen, den Künstlern und dem Publikum waren bei allen unterschiedlichen Meinungen, Ansichten und Standpunkten und bei aller Kritik konstruktiv, würdigend und wertschätzend. Und damit spreche ich einerseits von einer Kultur der Kritik und andererseits von einem Wert, der dem Theaterspiel meines Erachtens nach innewohnt und einen Wert an sich darstellt: von einer Kultur des gegenseitigen „Sich-Einlassens“! Und das will ich erklären:
 
Die Spielerinnen und Spieler haben sich bei den Proben und der Erarbeitung ihrer Aufführung zunächst auf sich und die Mitspielerinnen und Mitspieler eingelassen. Zusammen haben sie sich dann auf eine Regie, eine Spielleitung eingelassen – und umgekehrt! Und diese Gruppe von Theaterschaffenden hat sich gemeinsam auf eine zunächst fremde Gedankenwelt einer zunächst meist fremden Autorin, eines zunächst meist fremden Autors und deren bzw. dessen Stück eingelassen.
Und auf das Ergebnis dieses wechselseitigen „Sich-Einlassens“ in Form einer Aufführung lassen sich, wenn es gelingt, die Zuschauer ein. Theater also als Ort des Einlassens – und als Ort , an dem wir uns, Zuschauer wie Akteure, mit all unseren Freuden und Ängsten als gemeinsam Fragende und Suchende begegnen können - Theater als Ort der Begegnung – und doch gibt es an diesem Ort der Begegnung so selten die Gelegenheit für Zuschauerinnen und Zuschauer wie Akteure unmittelbar über das Gesehene und Vorgeführte ins Gespräch zu kommen – Theater als Ort des Gesprächs!
Denn weil wir uns auch als Zuschauerinnen und Zuschauer eingelassen haben, können wir mitteilen, was wir wahrgenommen haben und Fragen an das Gesehene formulieren und dies auf eine Weise, die die Akteure annehmen können. Nur so können die Spielenden etwas über die
Wirkung ihrer Aufführung erfahren und werden uns Auskunft über ihr Spiel und die dahinter stehenden Überlegungen geben – ohne reflexartig eine Abwehr - und Verteidigungshaltung einzunehmen, die beide Seiten schlussendlich in Rechthaberei verfallen lässt. Konkretes Nach - Fragen und Erarbeiten von eigenen Kriterien können hilfreich sein, dies zu vermeiden!
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Gerade komme ich aus Graz, wo ich mit SpielleiterInnen gemeinsam über eben solche Kriterien zur Beurteilung einer Inszenierung und der Frage, „was macht für uns eigentlich gutes Theater aus?“ nachdachte. Zusammenfassend wurde dort deutlich:
Wir wollen begründetes und damit nachvollziehbares und damit lebendiges und unterhaltsames Theater sehen! Theater, welches vom wachen Zusammenspiel und Dialog der handelnden Akteure lebt, - Akteure, die in klaren Situation, Orten, Absichten und Beziehungen stehen und handeln: die Zuschauerin, der Zuschauer muss nicht sagen können, sie/er hätte genauso gehandelt wie die ProtagonistInnen, aber sie/er sollte deren Handeln nachvollziehen können, es sollte in sich plausibel sein, die KünstlerInnen haben ihren Inbegriff der Wirklichkeit stimmig in Szene gesetzt, die Inszenierung hält den einmal eingeschlagenen Ton durch, auch in Bezug auf die Ausstattung. Und die angesprochene Lebendigkeit ergibt sich aus dem wachen - trotz oder gerade wegen aller im Probenprozess getroffenen Verabredungen und deren Einhaltung - immer neu entstehenden Zusammenspiel unter den SpielerInnen. Kein Malen nach Zahlen, kein unbegründetes Agieren, keine Summe von Einzeldarbietungen kann lebendiges und in der Rolle authentisches Ensemblespiel jemals ersetzen. Davon dann lassen wir uns berühren – und dies um so mehr, je spürbarer der Stoff und die auf der Bühne verhandelten Fragen für ZuschauerInnen wie SpielerInnen gleichermaßen eine Relevanz haben!
 
Und der relevanten Fragen sind viele: Wo kommen wir her? Was ist Gerechtigkeit? Wo ist die Liebe? Welche Umstände würden unser Leben leichter machen? Wen schließen wir gerade aus? Und warum? Wo ist Gott? Was hat es mit dieser ewigen Kränkung des Menschen, dem Tod, auf sich? Und wo wollen wir hin?
Oder mit Dario Fo: Warum ergießen sich Oliven auf den Boden, wenn die Fruchtblase platzt? Nestroy fragt: Wie besteht man mit falschen Antworten eine Prüfung ? Und die Gruppe DreiSamma: Warum genügt manchmal ein Teekocher, um ins Weltall zu fliegen…?
 
Auch die in Graz entstandene Liste ist lang geworden – wobei jeder, jedem Beteiligten schnell klar war, dass durch die jeweilige konkrete, ganz eigene Inszenierung einzelne Punkte auch schnell wieder in Frage gestellt oder über den Haufen geworfen werden können - bleibt der ureigenste Reiz einer jeden Aufführung auf die ZusschauerInnen, Reiz auch im Sinne von Rührung und Betroffenheit, Freude und Widerspruch, Wut und Ratlosigkeit - hier und jetzt ist Gelegenheit, darüber zu sprechen!
 
Vortrag von Jochen Wietershofer, erstveröffentlicht: www.theaterpaedagoge.de/
bzw.: www.beepworld.de/members8/theaterpaedagoge/nemanaund.htm
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